
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche verfolgt eine Expansionsstrategie für fossile Gasinfrastruktur in Deutschland. Wir machen mit unserer Gemeinsam-gegen-Gas-Karte transparent, wo diese Infrastruktur entstehen soll und beleuchten die Folgen für Umwelt, Klima und Wirtschaft.
Im Mai 2025 trat Katherina Reiche die Nachfolge von Robert Habeck als Ministerin für Wirtschaft und Energie an.
Als Ministerin will Katherina Reiche den Ausbau der Erneuerbaren Energien ausbremsen. Währenddessen soll – ganz im Sinne der fossilen Lobby – der weitere Einbau von klimaschädlichen Öl- und Gasheizungen erlaubt werden und in Deutschland die fossile Gasinfrastruktur massiv ausgebaut werden. Dafür werden neue Gasbohrungen, Gaskraftwerke, Gas-Pipelines und LNG (Flüssigerdgas)-Terminals geplant. Es droht ein fossiler Lock-In-Effekt und damit eine langfristige Abhängigkeit von fossilem Gas.
Fossiles Gas ist aus zwei Gründen klimaschädlich. Zum einen entsteht bei der Verbrennung CO2, zum Beispiel in Heizungen. Zum anderen ist Methan, der Hauptbestandteil von Erdgas, selbst extrem klimaschädlich. Durch Lecks bei Förderung, Transport und Flüssiggas-Verarbeitung sowie durch Ablassen entweichen große Mengen dieses besonders klimawirksamen Treibhausgases.
Als Staatssekretärin des damaligen Bundesumweltministers Peter Altmaier (CDU) hatte Reiche Anteil daran, dass sich die Zahl der Arbeitsplätze in der seinerzeit erfolgreichen deutschen Solarindustrie ab 2012 von rund 120.000 auf 45.000 verringerte („Altmaier-Knick”). Reiche ist 2015 übergangslos aus der Politik in die Wirtschaft gewechselt, zunächst zum Verband kommunaler Unternehmen (VKU).
Vor ihrem Amtsantritt als Wirtschaftsministerin war Reiche fünf Jahre lang Vorstandsvorsitzende der E.ON-Tochter Westenergie AG, die ein 38.000 km langes Gasnetz betreibt. Damit hat nun eine ehemalige fossile Lobbyistin die Verantwortung für die deutsche Energiepolitik.
Die Ministerin bezeichnete schon am Anfang ihrer Amtszeit den Klimaschutz als überbetont und hinterfragte die deutschen Klimaziele. Ihre energiepolitischen Vorschläge weisen große Ähnlichkeiten mit Positionspapieren der Energiewirtschaft auf. Zudem pflegt Reiche weiterhin enge Kontakte zu Wirtschaftsverbänden. Bei Treffen mit der „Stiftung Familienunternehmen”, einer Lobbyorganisation für Überreiche, gaben Ministerin Reiche und ihr Staatssekretär Tipps, wie Millionäre und Milliardäre Steuersenkungen erreichen können. Weiter nahm sie Ende 2025 an einem exklusiven Treffen mit Wirtschaftsbossen und internationalen Politiker*innen teil – angeblich als Privatperson, doch das ist nach Veröffentlichung einer internen Broschüre des Treffens mehr als fraglich.
Kern der fossilen Expansion ist die sogenannte „Kraftwerksstrategie”. Im Koalitionsvertrag hatte die Bundesregierung angekündigt, im Rahmen dieser Strategie neue Gaskraftwerke mit einer Gesamtleistung von 20 GW auszuschreiben. Die Subventionen dafür muss die EU genehmigen. Am 15.01.2026 gab es eine Grundsatzeinigung zwischen der Bundesregierung und der EU-Kommission über den Zubau von steuerbarer Leistung in Höhe von 12 GW, davon 10 GW allein für Gaskraftwerke. Doch die Bundesregierung plant schon weitere Milliardensubventionen für noch mehr Gaskraftwerke in 2026 und 2027.
Gleichzeitig werden klimafreundliche Alternativen wie Batteriespeicher, die überschüssigen Strom aufnehmen und bei Bedarf wieder ins Netz abgeben können, benachteiligt. Statt den Umbau zu einer sauberen und unabhängigen Energieversorgung voranzutreiben, legt Reiche den Fokus auf fossile Stromerzeugung.
Die Energiekrisen in Folge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine 2022 und des Iran-Kriegs 2026 machten deutlich, wie riskant unsere Abhängigkeit von fossilen Energieträgern ist. Statt daraus Lehren zu ziehen, schafft die Bundesregierung jetzt neue Abhängigkeiten. Flüssiggas-Terminals und langfristige Lieferverträge verlagern die Abhängigkeit von Russland hin zu Fracking-Gas aus den USA und anderen autoritären oder instabilen Regimen.
Deutschland zählt weiter weltweit zu den zehn größten Gasverbrauchern. Fossiles Gas ist allgegenwärtig: Es wird zum Heizen, zur Stromerzeugung und in der Industrie eingesetzt. Rund jeder zweite Haushalt heizt mit Gas. 2024 machte Fossiles Gas etwa 15 Prozent des deutschen Strommixes aus und in der Industrie entfällt etwa ein Drittel der verbrauchten Energie auf den fossilen Energieträger.
Diese Abhängigkeit ist für Verbraucher*innen und den Staat eine massive finanzielle Belastung. Gaskraftwerke liefern im Vergleich zu erneuerbaren Energien den teuersten Strom und müssen beim Neubau mit Milliarden an Steuergeldern subventioniert werden. Gasheizungen werden langfristig zur Kostenfalle. Während immer mehr Haushalte auf erneuerbare Heizsysteme wie Wärmepumpen umsteigen, werden die Betriebskosten der Gasnetze auf immer weniger verbleibende Kund*innen umgelegt, was die Preise weiter in die Höhe treibt. Zusätzlich wird der steigende CO2-Preis Erdgas in den kommenden Jahren verteuern. Allein im Jahr 2024 hat Deutschland Erdgas im Wert von 17 Milliarden Euro importiert – ein riesiger Geldabfluss, von dem vor allem wenige große Energiekonzerne entlang der Gaslieferkette profitieren.
Statt diese fossilen Geschäftsmodelle weiter zu subventionieren, muss die Bundesregierung die Wärmewende konsequent und sozial finanzieren. Erneuerbares Heizen, beispielsweise mit Wärmepumpe oder grünen Wärmenetzen, ist klimafreundlich, krisensicher und hält Heizkosten bezahlbar. Das zeigt sich auch in der veränderten Nachfrage: 2025 wurden in Deutschland erstmals mehr Wärmepumpen als Gasheizungen installiert.
Wo genau neue fossile Infrastruktur entstehen soll, ist bisher intransparent. Gemeinsam zeigen wir mit unserer Karte, wo neue Kraftwerke, Bohrungen, Pipelines und Flüssiggas-Terminals entstehen sollen. Diese Karte entstand in Zusammenarbeit von Gaswende, FragDenStaat, Climate Helpdesk, urgewald, Beyond Fossil Fuels, BUND, Deutsche Umwelthilfe, Greenpeace, Fridays for Future Deutschland und Klimawende Köln.
Die Bundesregierung möchte 2026 zunächst Subventionen für mindestens 10 GW Gaskraftwerkskapazitäten vergeben, plant aber schon weitere Milliarden für Gaskraftwerke in den Folgejahren.
Gaskraftwerke sind bei weitem nicht das einzige Problem: Aktuell werden in Deutschland gleich mehrere große Bohrprojekte für Erdgas geplant und umgesetzt. Die Spur der Zerstörung zieht sich quer durchs Land: Von Bayern, über Brandenburg bis in die Nord- und Ostsee.
Neue Gaspipelines werden nicht gebaut, um schnellstmöglich wieder stillgelegt zu werden. Wenn die Pipelines einmal da sind, entsteht wirtschaftlicher Druck, sie auch langfristig auszulasten, selbst wenn ambitionierter Klimaschutz eigentlich eine Reduktion fossiler Energien erfordert. Zudem gibt es einen weitreichenden indirekten Effekt neuer Gaspipelines: sie reizen auch die damit verbundene Erschließung neuer Gasfelder und den Bau neuer Flüssiggas-Terminals an.
Ein weiteres Element der rückschrittlichen Klimapolitik der Bundesregierung kommt aus Übersee: Verflüssigtes Erdgas, auch LNG (Liquified Natural Gas) genannt. Der Import von LNG macht Deutschland nicht nur geopolitisch abhängig, sondern hat auch eine katastrophale Klima- , Umwelt- und Menschenrechtsbilanz.
Während die Klimakrise weltweit eskaliert, macht die Bundesregierung uns abhängig von fossilem Gas und schraubt ihre Klimaambitionen immer weiter nach unten. Dabei ist klar: Eine saubere, sichere und bezahlbare Energieversorgung geht nur ohne fossiles Erdgas. Dafür brauchen wir vor allem den entschlossenen Ausbau der erneuerbaren Energien, ein flexibles Stromsystem und eine sozial gestaltete Wärmewende. Die nötigen Technologien – etwa Wind- und Solaranlagen, Batteriespeicher und Wärmepumpen – existieren längst. Mit ihnen ist eine günstige, zukunftssichere und klimafreundliche Energieversorgung möglich. Statt weiter fossile Geschäftsmodelle zu sichern, muss die Bundesregierung umlenken.
Der aktuell geplante Gasausbau und die zahlreichen Vorhaben der Regierung können wir noch vor ihrem Abschluss stoppen. Verträge, Gesetze und Abkommen sind noch nicht gemacht. Wir haben jetzt die Chance, den Gasrausch der Bundesregierung zu stoppen – nutzen wir sie!
